Traum und Zeit

Ich hatte letztens einen Traum. Nein, nicht einfach nur einen Traum, wie man ihn fast jede Nacht erlebt, es war etwas Anderes. Es war ein Gefühl, als würde man mir etwas gewähren, das selten einem Menschen auf Erden vergönnt ist. Schwer zu beschreiben ist dieses Gefühl, aber es war, als würde mir für einen kurzen Augenblick ein Fenster in meine noch ungeschriebene Zukunft eröffnet, als würde ich einen kurzen Blick auf kommende Ereignisse werfen dürfen, subtil verpackt in einer Sprache, die ich noch zu entschlüsseln versuchte.

 

Wie genau der Traum war, kann ich nicht mehr beschreiben, das liegt schon etwas zurück und hat mich auch nicht wirklich gefesselt. Viel wichtiger war allerdings das Ende. Ein Ende, geradezu bildlich abgeschlossen wie ein Kinofilm, bevor der Schriftzug „The End“ eingeblendet wird. Diese kurzen Sekunden vorher werde ich wahrscheinlich meinen Lebtag nicht mehr vergessen. Zu tief sitzt diese merkwürdige Botschaft, die mir irgendwer oder irgendwas vermitteln wollte.

 

Ich weiß nur noch, dass ich auf einer kargen Straße entlang schlenderte, links und rechts waren Trümmer von Gebäuden zu sehen, grau in grau in sich zusammengefallen, entfernt am Horizont zog ein Gewitter herauf, man konnte schon die Blitze wild zuckend niedergehen sehen. Die Straße führte im leichten Bogen nach rechts und bevor ich sie einschlug, vorbei an einem durchsichtigen, aber hohen Zaun, passierte es. Als würde, wie in einem Film, eine Erzählerstimme zu mir sprechen, klar und deutlich, Fokus jedoch ganz klar auf mich gerichtet ohne einen Namen zu nennen. Fast so, als würde man einem Menschen auf seinem Weg letzte Worte mitgeben. Und diese Worte, eher gesagt ein Satz, lassen mich nach wie vor in Gedanken versinken, erschaudern und versucht, hinter ihr Geheimnis zu steigen.

 

Die Stimme sprach im freundlichen, aber direkten Ton: „Intoleranz und Sehnsucht dürfen nicht beieinander liegen“. Eine Weissagung, die zuerst sicher keinen Sinn ergibt, aber nach mehrmaligem Lesen alles andere als dumm und planlos scheint. Wäre ich nicht danach aufgewacht und hätte mich mein innerer Trieb nicht veranlasst, diese Wörter aufzuschreiben, im Übrigen zum ersten Mal in meinem Leben, wüsste ich sie sicher nicht mehr und die Botschaft wäre für immer verloren gegangen. Intoleranz und Sehnsucht dürfen nicht beieinander liegen. Was mag das bedeuten? Was will man mir damit sagen? Ist es eine Antwort auf die zahllosen Gebete und Hilfeschreie, die ich tagtäglich in alle Richtungen aussende, da meine Kraft schwindet, meine innere Lebensflamme immer trister glimmt und meine Flügel immer mehr herunterhängen? Zu oft wurde ich in den letzten Tagen wieder verletzt, zu oft kreisten meine Gedanken um den einen Tag im Juni, der meinen Geburtstag darstellt und ein Wendepunkt für so vieles sein sollte.

 

Ich hatte noch nie so ein Erlebnis, an das ich mich erinnern konnte. Als würde meine Seele in ein Tor gestoßen, weitab unserer Zeitlinie, und kam mit etwas in Berührung, kurz aber intensiv, das mir auf dem Rückweg in meinen schlafenden Körper etwas mitgab. Aber was war es? Eine Warnung? Ein Fingerzeig des Schicksals? Ein Ratschlag? Oder doch nur kollidierte Energie in einigen meiner Synapsen? Intoleranz und Sehnsucht... welch' tragisch agierende Gefühlswelten, die nichts miteinander zu tun haben, aber scheinbar doch verknüpft sind.

 

Nach einiger Zeit und tiefen Eingebungen meines Selbst vermute ich, dass, was man mir für meinen zukünftigen Weg mitteilen wollte oder auch ob ich mich vollkommenst irre, die Zeit wohl zeigen wird. Irgendetwas lenkt uns und treibt uns in diese Ströme des Schicksals und manchmal, wie es eben mir bewusst wurde, wenn alle Hoffnung wieder mal am Boden zerschellt ist und man den Lebenswillen beinahe verloren hat, offenbart sich etwas, um einem ein Licht in dieser dunklen Zeit zu sein.

 

Immer, wenn mich ein Mensch auf verschiedenste Weise verletzt, versuche ich ihn aus meinem Gedächtnis zu verdrängen, indem ich alle Gedanken, alle Formen, die mich an ihn erinnern, verdränge oder lösche und ich ihn so ignoriere. Und doch trauert ein Teil von mir diesem Menschen nach und fragt sich „Warum?“. Warum musste man mir das wieder antun? Und immer verliere ich ein Fragment meines Ichs an diese Person, unbewusst und möglicherweise unbedeutende Fragmente, doch die Sehnsucht nach diesem Splitter, der bei einem anderen Menschen ist, veranlasst meine Seele zu bluten.

 

Ich werde diese Warnung nun vermutlich beherzigen, denn nichts und niemand hinterlässt so einen Beigeschmack der Verwunderung wie das Schicksal. Mag sein, dass viele Menschen mich nicht beachten, zu uninteressant finden oder sich zu mir nicht hingezogen fühlen. Aber das bedeutet nicht, an der Güte und am Charakter zu zweifeln, die in dieser Seele wohnen. Eher bin ich froh, dass dieser Mensch in mein Leben trat und mir für eine kleine, aber kurze Strecke auf dem dunklen Pfad meines Lebens ein Leuchtfeuer war, das meinen Weg erhellte und deshalb sollte er nicht mit Ignoranz abgestraft werden, auch wenn es weh tat, vermutlich nicht nur mir. Vielleicht ist es eben wert, toleriert zu werden.

 

1.6.09 02:44

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