Blätter im Wind

An manchen Tagen, wenn wieder einmal die Sonne in meinem Innersten von dunklen und tristen Wolken vernebelt wird und sich dieser Schleier auf meinem Gemüt niederlegt, lausche ich all zu gerne dem Rauschen der Bäume, die mir mit dem Wind zuflüstern und ein Gefühl von Vertrautheit überkommt mich, Sekunde für Sekunde immer mehr. Was würde ich drum geben, ein Blatt an diesen Bäumen zu sein. Was würde ich drum geben, nicht mehr allein hier zu stehen.

 

Ein Blatt am Baum, sicher eines von vielen und doch einzigartig in seiner Art. Versorgt, beschützt, sich wiegen im Wind, der einen sanft umstreift, gedankenlos mit den Sonnenstrahlen spielen und diese ebenso einfangen, fast so wie ich es als Kind tat und in diesen Jahren in meiner Jugend. Was wusste ich damals schon vom Herbst, der einem regelrecht aufzeigt, was es bedeutet, alt zu werden? Was wusste ich schon von der Zukunft, die vor mir lag und noch ungeschrieben war? Ich spielte mit dem Glück und den anderen meiner Art, hing ich doch am Baum, am Ast, der mich hervorbrachte. So zogen Mond und Sterne über mich dahin, so ging jeden Tag in einem majestätischen Ritual im rot-gelben Licht die Sonne auf und zog über mir ihre Bahn, wieder und wieder. Jeden Tag träumte ich davon, pulsierte Leben in meinen Adern, ließ den Regen und die Tropfen an mir abprallen.

 

Jedoch wurde ich jäh aus meinen Träumen gerissen. Mit einem Schicksalsschlag, einer starken Böe der Fügung riss es mich davon, getragen vom Wind der Einsamkeit, weit weg von meinem angestammten und vertrauten Platz. Und während ich trieb, keimten Fragen in mir auf, doch niemand weiß eine Antwort darauf. Niemand vermisst das kleine Blatt, niemand fragt sich wo es blieb, warum es die anderen verlassen musste, niemand kennt seinen Namen. War meine Zeit gekommen? War es soweit? Ein kleines Blatt im Wind, hilflos ausgeliefert und ängstlich vor der Zukunft.

 

So segelte ich mit dem Wind, hatte Angst davor tiefer und tiefer zu fallen zum unbedeutenden Grund des Bodens, dahin wo alles vergänglich sein würde. Einzig und allein der Sturm, mein Schicksal, bestimmt meine ungewisse Reise über Dächer, Häuser, Wälder und Wiesen, gar über endlos weite Meere könnte es mich verschlagen. Ich muss mich wohl treiben lassen, was habe ich schon für eine andere Wahl. Ich malte mir in meinen Gedanken aus, wo es mich letztlich niederwehen mag, ob ich sanft in den Schoß eines Menschen niedergehe, es mich zerschellt an einem scharfen Felsen oder Stein, ja gar Schlimmeres. Schlussendlich fürchte ich wohl doch unsanft auf dem Boden zu landen, belanglos und vergessen zu werden um endgültig zu Staub zu verfallen. Warum konnte ich nicht bleiben, warum ließ man mir nicht die Wahl, wie die anderen zu blühen, zu gedeihen, im Glück der Sonne zu baden um am Ende, wie meine Brüder, verwelkt und kraftlos die letzte Reise anzutreten? Warum fliege ich noch heute ziellos umher, den Luftströmen ausgeliefert und von ihnen geduldet?

 

Nacht für Nacht stelle ich mir diese Fragen, ob meine Reise bald ein Ende finden mag, denn ich bin müde und erschöpft vom gleiten und trudeln, selbst meine Flügel versagen so langsam, und mein Inneres zieht sich mit jedem Tag weiter zusammen und vertrocknet. Selbst wenn ich langsam verwelke und es wie welkes Laub aus mir herausbricht, so hege ich doch die Hoffnung, dass vielleicht eine Person eines Tages ein Blatt am Boden findet und es aufhebt, sich erfreut an der Schönheit und der Anmut, welche dem Blatt aus weit entfernten Regionen innewohnen und sich so das Herz erwärmt oder zumindest die Erinnerung an diese Gedanken nicht verblühen mag.

27.5.09 06:04

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