Schmerz

Nachts oder spät am Abend, wenn alles still und ruhig ist und man buchstäblich sein eigenes Herz klopfen hört, kann es passieren, dass man seine eigene Seele schreien hört. Es überkommt einen das Gefühl, dass man  zusammenbricht, den Mund weit aufreißt und einen stillen Schrei entfahren lässt, der einen erstarren und verharren lässt, als würden Dämonen im Inneren nur darauf warten, losgelassen und entfesselt zu werden.

 

Und in diesen dunklen Stunden, in denen man keinen Ausweg mehr findet, greift man oft zu einem scharfen Gegenstand und verletzt sein eigenes Fleisch, seinen eigenen Körper. Warum? Warum tut man das? Warum lassen wir zu, dass Ströme von Blut aus den Wunden quellen und der Schmerz einen der Ohnmacht nahe bringt? Sicher streifen verständnislose Blicke, die sich wohl dasselbe fragen, meine Zeilen. Es ist ein kalkuliertes, emotionales Risiko, das einen dazu veranlasst, so etwas zu tun.

 

Wenn man oft verletzt wird von Worten und Gefühlen, formt sich in unserem Inneren eine Dunkelheit, ein Schatten, den wir nicht begreifen können. Manche Seelen überstrahlen es mit ihrem Licht und Glanz, andere, die nicht diese Gabe haben, sind dieser Form von seelischem Schmerz nahezu hilflos ausgeliefert. Manchmal wird der Druck in unserem Inneren so groß, dass wir keinen anderen Weg sehen, als uns mit einem scharfen Gegenstand zu verletzten, dass diese Dunkelheit aus uns weicht und der physische Schmerz für eine kurze, aber bedeutungsvolle Zeit dem emotionalen überwiegt, sodass wir für Bruchteile von Augenblicken, in denen die Klinge durch unsere Haut und unser Fleisch gleitet, befreit sind von dieser Dunkelheit, die unser Inneres so extrem umschnürt.

 

Der uns angetane Schmerz lähmt uns und überlagert die Dunkelheit, die wir so fürchten und verachten. Als würde diese buchstäblich durch die offenen Wunden aus uns brechen und entgleiten. Für einen kurzen, aber sehr intensiven Augenblick überwiegt der physische Schmerz dem emotionalen und unsere Seele ist für einen Bruchteil befreit von einer Last, die uns sicher zu den tiefsten Abgründen unseres Ichs treiben würde. Erst wenig später realisieren wir unsere Katatonie, wenn wir die leichten Ströme von Blut an uns hinunterrinnen fühlen. Doch unter den Nachwehen des zugefügten Schmerzes fühlen wir uns dennoch erleichtert und befreiter, auch wenn man sich später eingestehen wird, dass es ein Fehler war, sich so etwas anzutun.

 

Manche betäuben sich mit Alkohol, Drogen oder verdrängen tiefe Gefühle in die hintersten Winkeln ihrer Seele. Das Messer ist schnell, präzise, aber auch sehr schmerzvoll und wird auch nie ein Freund werden für jemanden, der nur dadurch sein inneres Gleichgewicht erlangen kann. Trotzdem ist es nicht selten, dass sich in den Strom von Blut auch unsere Tränen mischen, weil wir uns und unsere Kontrolle verloren haben.

24.5.09 21:22

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