Distanzen

Distanzen

 

Wieder einmal sitze ich in einem Zug, der nach Hause fährt und wieder einmal hat es eine Seele geschafft, dass ich in dieser Zeit, die ich unterwegs sein werde, mich mehr als irgendein anderes denkendes Wesen gerade, mit vielerlei Gedanken auseinandersetze. Und mit jedem Augenblick entferne ich mich mehr und mehr von dieser Person, aber auch vom Gleichgewicht meiner Seele. Distanzen.

 

Distanzen, ja. Während ich gedankenlos durch das Fenster blicke und das leise Vibrieren des rollenden Zuges verspüre, wird es wolkiger und grauer in meinem Herzen. Ich krame meine Musik heraus und versuche die Stunden noch einmal im Kopf Revue passieren zu lassen, und das, was Sie mir unscheinbar gaben. Leise seufzend drifte ich, beflügelt von der Musik, durch die Zeit zurück, als ich vor Stunden euphorisch und erwartend meine Reise antrat. Nahe, ganz nahe war ich nun dem Glücksmoment und alle Engel beteten für mich und mein Schicksal.

 

Gefühlsmäßig läuft es mir heiß und kalt den Rücken hinunter, wenn ich Fragmente der Person in meinen Kopf zusammensetze, die Augen, das Lächeln, kleine Haarsträhnen, die man nervös mit einer leichten Handbewegung aus dem Gesicht  entfernt, all das fesselt und schnürt meine Gedanken ein, mehr und mehr, je näher ich meinem Bestimmungsort komme, dem Ort, den man Zuhause nennt. Schatten huschen draußen am Fenster vorbei und diverse Lichtbrechungen spiegeln sich im Glas wider und tanzen, so als scheint alles wie ein Traum zu sein, ein Traum, dem man nicht entfliehen, den man nicht vergessen kann.

 

Langsam beginnt der Zug zu halten, eine Haltestelle ist erreicht. Menschen hetzen aus den Zügen, eilen davon, in alle Richtungen. Nur die Schwermut meiner Gedanken bleibt mit mir im Abteil zurück, als es wieder vorwärts geht. Irgendwann werde ich ankommen, doch die Fahrt kommt mir schon jetzt wie eine endlose Reise in die Ewigkeit vor. Und nach wie vor kollidieren die Gedanken in meinem Kopf und mein Herz wird schwerer. Mit jedem Wimpernschlag. Je grauer die Bilder werden, um so schneller tun sie schließlich weh. Habe ich etwas vergessen? Habe ich etwas zurückgelassen, als ich in diesen Zug einstieg? Etwas, das mit jedem Meter mehr und mehr in mir schmerzt und wie eine tiefe Wunde blutet? Ein Splitter des Ichs, das ich niemals sehen werde?

 

Die Antwort darauf ist immer dieselbe. Ja. Und doch liegen Hoffnung und Gewissheit in diesen Minuten, in denen ich regungslos aus dem Fenster starre und im Spiegel des Fensters Fassaden der Person erkenne, die mein Fragment wohl verwahren mag. Ich schließe meine Augen und irgendwie vernehme ich noch die leisen Worte, die man mir zuletzt zurief. Irgendwo.. weit in der Ferne...

5.5.09 01:22

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