Traum und Zeit

Ich hatte letztens einen Traum. Nein, nicht einfach nur einen Traum, wie man ihn fast jede Nacht erlebt, es war etwas Anderes. Es war ein Gefühl, als würde man mir etwas gewähren, das selten einem Menschen auf Erden vergönnt ist. Schwer zu beschreiben ist dieses Gefühl, aber es war, als würde mir für einen kurzen Augenblick ein Fenster in meine noch ungeschriebene Zukunft eröffnet, als würde ich einen kurzen Blick auf kommende Ereignisse werfen dürfen, subtil verpackt in einer Sprache, die ich noch zu entschlüsseln versuchte.

 

Wie genau der Traum war, kann ich nicht mehr beschreiben, das liegt schon etwas zurück und hat mich auch nicht wirklich gefesselt. Viel wichtiger war allerdings das Ende. Ein Ende, geradezu bildlich abgeschlossen wie ein Kinofilm, bevor der Schriftzug „The End“ eingeblendet wird. Diese kurzen Sekunden vorher werde ich wahrscheinlich meinen Lebtag nicht mehr vergessen. Zu tief sitzt diese merkwürdige Botschaft, die mir irgendwer oder irgendwas vermitteln wollte.

 

Ich weiß nur noch, dass ich auf einer kargen Straße entlang schlenderte, links und rechts waren Trümmer von Gebäuden zu sehen, grau in grau in sich zusammengefallen, entfernt am Horizont zog ein Gewitter herauf, man konnte schon die Blitze wild zuckend niedergehen sehen. Die Straße führte im leichten Bogen nach rechts und bevor ich sie einschlug, vorbei an einem durchsichtigen, aber hohen Zaun, passierte es. Als würde, wie in einem Film, eine Erzählerstimme zu mir sprechen, klar und deutlich, Fokus jedoch ganz klar auf mich gerichtet ohne einen Namen zu nennen. Fast so, als würde man einem Menschen auf seinem Weg letzte Worte mitgeben. Und diese Worte, eher gesagt ein Satz, lassen mich nach wie vor in Gedanken versinken, erschaudern und versucht, hinter ihr Geheimnis zu steigen.

 

Die Stimme sprach im freundlichen, aber direkten Ton: „Intoleranz und Sehnsucht dürfen nicht beieinander liegen“. Eine Weissagung, die zuerst sicher keinen Sinn ergibt, aber nach mehrmaligem Lesen alles andere als dumm und planlos scheint. Wäre ich nicht danach aufgewacht und hätte mich mein innerer Trieb nicht veranlasst, diese Wörter aufzuschreiben, im Übrigen zum ersten Mal in meinem Leben, wüsste ich sie sicher nicht mehr und die Botschaft wäre für immer verloren gegangen. Intoleranz und Sehnsucht dürfen nicht beieinander liegen. Was mag das bedeuten? Was will man mir damit sagen? Ist es eine Antwort auf die zahllosen Gebete und Hilfeschreie, die ich tagtäglich in alle Richtungen aussende, da meine Kraft schwindet, meine innere Lebensflamme immer trister glimmt und meine Flügel immer mehr herunterhängen? Zu oft wurde ich in den letzten Tagen wieder verletzt, zu oft kreisten meine Gedanken um den einen Tag im Juni, der meinen Geburtstag darstellt und ein Wendepunkt für so vieles sein sollte.

 

Ich hatte noch nie so ein Erlebnis, an das ich mich erinnern konnte. Als würde meine Seele in ein Tor gestoßen, weitab unserer Zeitlinie, und kam mit etwas in Berührung, kurz aber intensiv, das mir auf dem Rückweg in meinen schlafenden Körper etwas mitgab. Aber was war es? Eine Warnung? Ein Fingerzeig des Schicksals? Ein Ratschlag? Oder doch nur kollidierte Energie in einigen meiner Synapsen? Intoleranz und Sehnsucht... welch' tragisch agierende Gefühlswelten, die nichts miteinander zu tun haben, aber scheinbar doch verknüpft sind.

 

Nach einiger Zeit und tiefen Eingebungen meines Selbst vermute ich, dass, was man mir für meinen zukünftigen Weg mitteilen wollte oder auch ob ich mich vollkommenst irre, die Zeit wohl zeigen wird. Irgendetwas lenkt uns und treibt uns in diese Ströme des Schicksals und manchmal, wie es eben mir bewusst wurde, wenn alle Hoffnung wieder mal am Boden zerschellt ist und man den Lebenswillen beinahe verloren hat, offenbart sich etwas, um einem ein Licht in dieser dunklen Zeit zu sein.

 

Immer, wenn mich ein Mensch auf verschiedenste Weise verletzt, versuche ich ihn aus meinem Gedächtnis zu verdrängen, indem ich alle Gedanken, alle Formen, die mich an ihn erinnern, verdränge oder lösche und ich ihn so ignoriere. Und doch trauert ein Teil von mir diesem Menschen nach und fragt sich „Warum?“. Warum musste man mir das wieder antun? Und immer verliere ich ein Fragment meines Ichs an diese Person, unbewusst und möglicherweise unbedeutende Fragmente, doch die Sehnsucht nach diesem Splitter, der bei einem anderen Menschen ist, veranlasst meine Seele zu bluten.

 

Ich werde diese Warnung nun vermutlich beherzigen, denn nichts und niemand hinterlässt so einen Beigeschmack der Verwunderung wie das Schicksal. Mag sein, dass viele Menschen mich nicht beachten, zu uninteressant finden oder sich zu mir nicht hingezogen fühlen. Aber das bedeutet nicht, an der Güte und am Charakter zu zweifeln, die in dieser Seele wohnen. Eher bin ich froh, dass dieser Mensch in mein Leben trat und mir für eine kleine, aber kurze Strecke auf dem dunklen Pfad meines Lebens ein Leuchtfeuer war, das meinen Weg erhellte und deshalb sollte er nicht mit Ignoranz abgestraft werden, auch wenn es weh tat, vermutlich nicht nur mir. Vielleicht ist es eben wert, toleriert zu werden.

 

1.6.09 02:44, kommentieren

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Blätter im Wind

An manchen Tagen, wenn wieder einmal die Sonne in meinem Innersten von dunklen und tristen Wolken vernebelt wird und sich dieser Schleier auf meinem Gemüt niederlegt, lausche ich all zu gerne dem Rauschen der Bäume, die mir mit dem Wind zuflüstern und ein Gefühl von Vertrautheit überkommt mich, Sekunde für Sekunde immer mehr. Was würde ich drum geben, ein Blatt an diesen Bäumen zu sein. Was würde ich drum geben, nicht mehr allein hier zu stehen.

 

Ein Blatt am Baum, sicher eines von vielen und doch einzigartig in seiner Art. Versorgt, beschützt, sich wiegen im Wind, der einen sanft umstreift, gedankenlos mit den Sonnenstrahlen spielen und diese ebenso einfangen, fast so wie ich es als Kind tat und in diesen Jahren in meiner Jugend. Was wusste ich damals schon vom Herbst, der einem regelrecht aufzeigt, was es bedeutet, alt zu werden? Was wusste ich schon von der Zukunft, die vor mir lag und noch ungeschrieben war? Ich spielte mit dem Glück und den anderen meiner Art, hing ich doch am Baum, am Ast, der mich hervorbrachte. So zogen Mond und Sterne über mich dahin, so ging jeden Tag in einem majestätischen Ritual im rot-gelben Licht die Sonne auf und zog über mir ihre Bahn, wieder und wieder. Jeden Tag träumte ich davon, pulsierte Leben in meinen Adern, ließ den Regen und die Tropfen an mir abprallen.

 

Jedoch wurde ich jäh aus meinen Träumen gerissen. Mit einem Schicksalsschlag, einer starken Böe der Fügung riss es mich davon, getragen vom Wind der Einsamkeit, weit weg von meinem angestammten und vertrauten Platz. Und während ich trieb, keimten Fragen in mir auf, doch niemand weiß eine Antwort darauf. Niemand vermisst das kleine Blatt, niemand fragt sich wo es blieb, warum es die anderen verlassen musste, niemand kennt seinen Namen. War meine Zeit gekommen? War es soweit? Ein kleines Blatt im Wind, hilflos ausgeliefert und ängstlich vor der Zukunft.

 

So segelte ich mit dem Wind, hatte Angst davor tiefer und tiefer zu fallen zum unbedeutenden Grund des Bodens, dahin wo alles vergänglich sein würde. Einzig und allein der Sturm, mein Schicksal, bestimmt meine ungewisse Reise über Dächer, Häuser, Wälder und Wiesen, gar über endlos weite Meere könnte es mich verschlagen. Ich muss mich wohl treiben lassen, was habe ich schon für eine andere Wahl. Ich malte mir in meinen Gedanken aus, wo es mich letztlich niederwehen mag, ob ich sanft in den Schoß eines Menschen niedergehe, es mich zerschellt an einem scharfen Felsen oder Stein, ja gar Schlimmeres. Schlussendlich fürchte ich wohl doch unsanft auf dem Boden zu landen, belanglos und vergessen zu werden um endgültig zu Staub zu verfallen. Warum konnte ich nicht bleiben, warum ließ man mir nicht die Wahl, wie die anderen zu blühen, zu gedeihen, im Glück der Sonne zu baden um am Ende, wie meine Brüder, verwelkt und kraftlos die letzte Reise anzutreten? Warum fliege ich noch heute ziellos umher, den Luftströmen ausgeliefert und von ihnen geduldet?

 

Nacht für Nacht stelle ich mir diese Fragen, ob meine Reise bald ein Ende finden mag, denn ich bin müde und erschöpft vom gleiten und trudeln, selbst meine Flügel versagen so langsam, und mein Inneres zieht sich mit jedem Tag weiter zusammen und vertrocknet. Selbst wenn ich langsam verwelke und es wie welkes Laub aus mir herausbricht, so hege ich doch die Hoffnung, dass vielleicht eine Person eines Tages ein Blatt am Boden findet und es aufhebt, sich erfreut an der Schönheit und der Anmut, welche dem Blatt aus weit entfernten Regionen innewohnen und sich so das Herz erwärmt oder zumindest die Erinnerung an diese Gedanken nicht verblühen mag.

27.5.09 06:04, kommentieren

Schmerz

Nachts oder spät am Abend, wenn alles still und ruhig ist und man buchstäblich sein eigenes Herz klopfen hört, kann es passieren, dass man seine eigene Seele schreien hört. Es überkommt einen das Gefühl, dass man  zusammenbricht, den Mund weit aufreißt und einen stillen Schrei entfahren lässt, der einen erstarren und verharren lässt, als würden Dämonen im Inneren nur darauf warten, losgelassen und entfesselt zu werden.

 

Und in diesen dunklen Stunden, in denen man keinen Ausweg mehr findet, greift man oft zu einem scharfen Gegenstand und verletzt sein eigenes Fleisch, seinen eigenen Körper. Warum? Warum tut man das? Warum lassen wir zu, dass Ströme von Blut aus den Wunden quellen und der Schmerz einen der Ohnmacht nahe bringt? Sicher streifen verständnislose Blicke, die sich wohl dasselbe fragen, meine Zeilen. Es ist ein kalkuliertes, emotionales Risiko, das einen dazu veranlasst, so etwas zu tun.

 

Wenn man oft verletzt wird von Worten und Gefühlen, formt sich in unserem Inneren eine Dunkelheit, ein Schatten, den wir nicht begreifen können. Manche Seelen überstrahlen es mit ihrem Licht und Glanz, andere, die nicht diese Gabe haben, sind dieser Form von seelischem Schmerz nahezu hilflos ausgeliefert. Manchmal wird der Druck in unserem Inneren so groß, dass wir keinen anderen Weg sehen, als uns mit einem scharfen Gegenstand zu verletzten, dass diese Dunkelheit aus uns weicht und der physische Schmerz für eine kurze, aber bedeutungsvolle Zeit dem emotionalen überwiegt, sodass wir für Bruchteile von Augenblicken, in denen die Klinge durch unsere Haut und unser Fleisch gleitet, befreit sind von dieser Dunkelheit, die unser Inneres so extrem umschnürt.

 

Der uns angetane Schmerz lähmt uns und überlagert die Dunkelheit, die wir so fürchten und verachten. Als würde diese buchstäblich durch die offenen Wunden aus uns brechen und entgleiten. Für einen kurzen, aber sehr intensiven Augenblick überwiegt der physische Schmerz dem emotionalen und unsere Seele ist für einen Bruchteil befreit von einer Last, die uns sicher zu den tiefsten Abgründen unseres Ichs treiben würde. Erst wenig später realisieren wir unsere Katatonie, wenn wir die leichten Ströme von Blut an uns hinunterrinnen fühlen. Doch unter den Nachwehen des zugefügten Schmerzes fühlen wir uns dennoch erleichtert und befreiter, auch wenn man sich später eingestehen wird, dass es ein Fehler war, sich so etwas anzutun.

 

Manche betäuben sich mit Alkohol, Drogen oder verdrängen tiefe Gefühle in die hintersten Winkeln ihrer Seele. Das Messer ist schnell, präzise, aber auch sehr schmerzvoll und wird auch nie ein Freund werden für jemanden, der nur dadurch sein inneres Gleichgewicht erlangen kann. Trotzdem ist es nicht selten, dass sich in den Strom von Blut auch unsere Tränen mischen, weil wir uns und unsere Kontrolle verloren haben.

24.5.09 21:22, kommentieren

Kerzen und Flammen

Kerzen und Flammen

 

Wenn es Abend wird, die Sonne längst hinter dem Horizont entschwunden ist und alles allmählich langsam zur Ruhe kommt, entzünde ich ein paar Kerzen, damit sie mich mit ihrem Glanz und ihrer Anmut erfreuen. Und wie ich so in ihr Licht blicke, in die Flamme, die mit jedem Wimpernschlag unausweichlich ihr eigenes Ende einläutet, formen sich in meinen Kopf Gedanken über dieses kleine Wunder.

 

Ein kleiner Funke genügt schon, um die Kerze zu entfachen und während sie sich langsam von der neu gewonnenen Energie nährt, wächst sie nach und nach zu ihrer vorbestimmten Größe heran. Sie strahlt in warmem Licht, tanzt und biegt sich mit jedem vernommenen Lufthauch, als wäre dieses Spiel eine Leichtigkeit für die Flamme. Grazil und zerbrechlich kann sie uns für viele Stunden erleuchten und ein Gefährte sein, wohl wissend, dass wir ihr nicht zu nahe kommen sollten, denn diese Schönheit birgt auch eine schmerzliche Gefahr. Wie oft wollten wir dieses tanzende Licht denn nicht schon mit unserer Hand einfangen und es am liebsten in unser Herz einschließen, um uns doch daran zu verbrennen? Am Ende ihres doch kurzen Lebens voller Herzlichkeit werden wir alle Zeuge eines ungleichen Kampfes, pulsierend und mit letzter Kraft versucht die Flamme noch einmal zu glänzen, als hätten wir sie eben erst entfacht, um dann doch langsam zu ersticken, bis nur noch ein schwaches Glimmen und nebliger Rauch Zeuge sind, dass soeben etwas starb. Und während ich der kleinen Flamme bei ihrem Todeskampf zusehe, wird es mir wieder bewusst.

 

Es gibt noch etwas, das sich auf solchen Parallelen verhält wie die Kerze. Die Liebe. Sie wird entfacht durch einen einzigen Funken, brennt und lodert in uns, tanzt und lässt ihre Wärme und ihr Licht durch uns hindurchstrahlen. Mal wiegt sie sich mit dem Wind, mal steht sie still und regungslos, trotzdem wissen wir, dass sie existiert. Und wie die Flamme in ihren letzten Atemzügen liegt und kämpft, tut dies die Liebe denn nicht auch? Ein letztes Inferno, um dann in einem schleichenden Glühen zu zerfallen, bis auch das letzte kleine Glimmen erloschen ist.

 

Nun versuche man eine erloschene und heruntergebrannte Kerze erneut zu entfachen, man wird feststellen, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und die Liebe zu einem Menschen, dessen Flamme man schon entfacht hatte? Man kann sich die Antwort sicher denken.

 

Die Kunst ist nicht, dies zu meistern, das wird selten gelingen. Nein, die Kunst besteht darin, die Flamme so lange wie möglich zu erhalten, sie zu pflegen und auf sie zu achten, damit sie Jahre und Jahrzehnte in uns brennen mag.

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Distanzen

Distanzen

 

Wieder einmal sitze ich in einem Zug, der nach Hause fährt und wieder einmal hat es eine Seele geschafft, dass ich in dieser Zeit, die ich unterwegs sein werde, mich mehr als irgendein anderes denkendes Wesen gerade, mit vielerlei Gedanken auseinandersetze. Und mit jedem Augenblick entferne ich mich mehr und mehr von dieser Person, aber auch vom Gleichgewicht meiner Seele. Distanzen.

 

Distanzen, ja. Während ich gedankenlos durch das Fenster blicke und das leise Vibrieren des rollenden Zuges verspüre, wird es wolkiger und grauer in meinem Herzen. Ich krame meine Musik heraus und versuche die Stunden noch einmal im Kopf Revue passieren zu lassen, und das, was Sie mir unscheinbar gaben. Leise seufzend drifte ich, beflügelt von der Musik, durch die Zeit zurück, als ich vor Stunden euphorisch und erwartend meine Reise antrat. Nahe, ganz nahe war ich nun dem Glücksmoment und alle Engel beteten für mich und mein Schicksal.

 

Gefühlsmäßig läuft es mir heiß und kalt den Rücken hinunter, wenn ich Fragmente der Person in meinen Kopf zusammensetze, die Augen, das Lächeln, kleine Haarsträhnen, die man nervös mit einer leichten Handbewegung aus dem Gesicht  entfernt, all das fesselt und schnürt meine Gedanken ein, mehr und mehr, je näher ich meinem Bestimmungsort komme, dem Ort, den man Zuhause nennt. Schatten huschen draußen am Fenster vorbei und diverse Lichtbrechungen spiegeln sich im Glas wider und tanzen, so als scheint alles wie ein Traum zu sein, ein Traum, dem man nicht entfliehen, den man nicht vergessen kann.

 

Langsam beginnt der Zug zu halten, eine Haltestelle ist erreicht. Menschen hetzen aus den Zügen, eilen davon, in alle Richtungen. Nur die Schwermut meiner Gedanken bleibt mit mir im Abteil zurück, als es wieder vorwärts geht. Irgendwann werde ich ankommen, doch die Fahrt kommt mir schon jetzt wie eine endlose Reise in die Ewigkeit vor. Und nach wie vor kollidieren die Gedanken in meinem Kopf und mein Herz wird schwerer. Mit jedem Wimpernschlag. Je grauer die Bilder werden, um so schneller tun sie schließlich weh. Habe ich etwas vergessen? Habe ich etwas zurückgelassen, als ich in diesen Zug einstieg? Etwas, das mit jedem Meter mehr und mehr in mir schmerzt und wie eine tiefe Wunde blutet? Ein Splitter des Ichs, das ich niemals sehen werde?

 

Die Antwort darauf ist immer dieselbe. Ja. Und doch liegen Hoffnung und Gewissheit in diesen Minuten, in denen ich regungslos aus dem Fenster starre und im Spiegel des Fensters Fassaden der Person erkenne, die mein Fragment wohl verwahren mag. Ich schließe meine Augen und irgendwie vernehme ich noch die leisen Worte, die man mir zuletzt zurief. Irgendwo.. weit in der Ferne...

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Solitude on a Seashore

Solitude on a Seashore

Nicht weit von hier, etwas abseits gelegen, liegt ein Ort, an den ich oft zurückdenke und zu dem es mich nach wie vor noch zieht, hält er doch mich und meine endlosen sehnsüchtigen Gedanken gefangen. Man stelle sich vor, umringt vom Lärm der Großstadt, findet man eine Enklave der Ruhe und Zuflucht in Form eines Stückchens Himmel auf Erden, genauer gesagt, eine sehr alte Kirche, umrandet von weiten Grünflächen und einigen Bäumen, die sicherlich schon einige Generationen überdauert haben. Ringsherum liegt ein weiter See, der von Kanälen durchzogen ist und an dessen Ufer in unregelmäßigen Abständen einige Parkbänke in den Boden getrieben wurden.

Nun, einer dieser Bänke widme ich diese Passagen, denn sie spendete mir Rast und Trost an vielen Tagen, die in mir eingebrannt sind, als wären sie erst gestern geschehen. Nahezu jeden Freitag, spät am Abend, bei Wind und Wetter, nahm ich ihr Angebot an, mich auf ihr niederzulassen und meine Gedanken, meine Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte mit ihr zu teilen, meist mit verlorenem Blick auf die nahe stehende Kirche in altgotischem Stile. Nicht selten brach sich der Mond über ihr im angrenzenden See, sodass mich dessen Licht oft sanft in dem Arm nahm und ich hier nicht alleine war.

Gedanken schwirrten in meinem Kopf umher, mein Herz wurde schwerer und schwerer. Ich lauschte dem fernen Lärm der Autos und Menschen, aber irgendwie fühlte ich mich dennoch allein, als wäre ich der einzige Mensch auf Erden. Ich erinnere mich noch sehr genau an einem Tag im Oktober, als es in Strömen regnete und ich mich auf ihr niederließ, halb durchnässt vom Regen. Ich starrte zu Boden, denn etwas Schweres lag auf meinem Herzen, ich grübelte vor mich hin, sodass ich nicht bemerkte, wie Regentropfen, die auf  mich niederprasselten, sich mit meinen Tränen vermischten. Zu tief saß der Schmerz über Einsamkeit und Alleinsein, zu tief blutete meine innere Wunde über längst geschehene Ereignisse. Ich saß da, starrte zu Boden und meine Hand öffnete sich leicht um einige Regentropfen aufzufangen, als wären es Geschenke, die vom Himmel herabfielen. Ich seufzte leicht bei dem Gedanken, fand jedoch mehr und mehr mein inneres Gleichgewicht.

Den Ort gibt es noch immer und auch wenn ich mich längst lossagte von der Tradition sie jeden Freitag zu besuchen, so schaue ich dennoch oft genug vorbei und gedenke dieser Tage, an denen nichts und niemand da war, mich aufzufangen, nur diese eine Bank, die mir Trost spendete an Tagen, an denen Welten in meinem Kopf kollidierten.

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3.5.09 22:02, kommentieren

Die Rückkehr der Schmetterlinge

Die Rückkehr der Schmetterlinge

Als ich neulich durch die Alleen streifte, einsam und verlassen, wie an fast jedem solcher tristen Tage, wunderte ich mich, wo all die farbenfrohen Schmetterlinge blieben, die mit ihrem Tanz und mit ihrer lebensfrohen Art um mich herumflatterten, frech und anmutig, und mich so stark an meine unbekümmerte Jugend erinnerten?

Ich schaute mich suchend um, doch nichts rührte sich, kein Licht brach sich in den schimmernden Flügeln, kein leises Flattern vernahmen meine Ohren. Mein Herz wurde auf einmal schwerer und schwerer, denn die Gedanken an meine Kindheit überrollten mich urplötzlich und griffen tief in meine Gefühlswelt ein. Ich blieb stehen und seufzte tief, blickte zum Boden, der anfing zu verschwimmen, denn Realität und alte Erinnerungen vermischten sich, als hätte irgendwer weit entfernt eine bekannte Melodie aufgelegt, die ich in meinem Kopf nun artig verfolgte, bis zu dem Punkt, an dem Welt und Zeit kollidierten.

Mir war, als hörte ich ein Kinderlachen; nein, zwei oder mehr. Ja,  sogar die Sonne spürte ich, die strahlte und sich warm anfühlte, einen Himmel, dessen Farben mir leuchtender und bekannter vorkamen, als ich es je mit Sinnen vernahm; ja, selbst ein Gefühl der Leichtigkeit überkam mich, als ob ich jeden Augenblick den Grund unter meinen Füßen verlöre und mich unsichtbare Schwingen sanft in die Höhe trügen.

Es war wie in alten Zeiten und der Gedanke erwärmte mein dunkles Herz, diese sorgenfreie Zeit damals, als Sorgen und Ängste noch ungeboren waren. All diese Gefühle und Flashbacks fühlten sich so real an, als wären sie fast zum Greifen nahe, ich blickte daher auf und öffnete meine Augen, die leicht verkniffen waren. Und dann sah ich etwas, leicht schemenhaft, das sich vor meinem Gesicht rührte und nach und nach immer klarer wurde. Schmetterlinge. Erst einen, dann zwei, dann dutzende. Sie flogen um mich herum, wirbelten im Wind, tanzten mit sich selbst und den Sonnenstrahlen, jene Schmetterlinge, egal welcher Art oder Gattung, die ich damals nie richtig zu schätzen wusste.

Ich streckte meine Hand aus und tatsächlich setze sich einer auf meinen Finger, dessen Farben ich nicht zu deuten wusste, so sehr blendete mich die Reflexion der Sonne in seinen Flügeln. Er saß da und wippte sanft seine Flügel im fast windstillen Umfeld meines Ichs. Ich betrachtete diese farbenfrohe und lebensbejahende Kreatur und wünschte mir irgendwie nichts sehnlicher, als könnte man mit ihr tauschen, als könne ich einmal, getragen von Wind und Lebenskraft, fliegen, kreuz und quer über all diese weiten Wiesen, ja gar über Meere und Ozeane.

Ich weiß nicht, was mich aus diesem Tagtraum riss, jedoch fühlte ich mich teils leerer, teils weiser als zuvor, auch wenn alle Schmetterlinge wieder verschwunden waren. So plötzlich, wie sie kamen, haben sie es doch geschafft, dass ich mich an einem wundervollen Gedanken festhalten konnte, der mir in meinem tristen Herzen wieder ein Lächeln und eine wundervolle Erinnerung hervorzauberte.

Eine Träne rann über meine Wange, denn für nichts auf der Welt hätte ich gerade meine kleine Reise in die Vergangenheit eingetauscht, eine Reise zu dem einen Tag, an dem noch Schmetterlinge einem Menschen zeigten, was es bedeutet, zu leben.
©

1 Kommentar 3.5.09 22:00, kommentieren